Nobu Shirase will zum Südpol! Das war der Witz des Jahres 1909. Die Japaner krümmten sich vor Lachen, die Presse machte sich unverhohlen lustig über ihn, und die Regierung zeigte keinerlei Verständnis für das Zwängeln dieses unbedeutenden Armeeoffiziers aus der nördlichen Präfektur Akita. Warum auch! Noch bis 1868 war es jedem Japaner unter Todesstrafe verboten, Japan zu verlassen – da war Nobu Shirase bereits sieben Jahre alt. Japan hatte sich jahrhundertelang abgeschottet, und nun, da man reisen durfte, hatte kaum jemand Interesse daran, den Rest der Welt zu erkunden.
Nobu Shirase hingegen träumte schon als Kind davon, eines Tages den Nordpol zu erobern. Für dieses Ziel trieb er sein Leben lang Sport, rauchte und trank nicht und wohnte grundsätzlich in ungeheizten Räumen. Als Robert Peary und Frederick Cook
1909 behaupteten, den Nordpol erreicht zu haben, wechselte er einfach sein Ziel: Von nun wollte er halt zum Südpol. Doch um diesen zu erreichen, brauchte er eine Mannschaft, Proviant und ein Schiff. Und das alles zu finanzieren, waren die Herren von der Regierung nicht gewillt.
Dank seiner Hartnäckigkeit brachte Nobu Shirase so viel Geld von Privaten zusammen, dass es zum Kauf des Fischerei-Segelschiffs «Hoko Maru» reichte, dass er nach dem Umbau zur Eistauglichkeit in «Kainan Maru» umtaufte, was sinngemäss so viel heisst wie «Türöffner zum Süden». Der Dreimastschoner war nur 30,5 Meter lang und 7,9 Meter breit und wurde lediglich mit einem 18-PS Motor ausgestattet, was lächerlich wenig ist, wenn man im Packeis manövrieren will. Eigentlich hätte Shirase lieber das grössere Armee-Kanonenboot «Banjo» gekauft.
Die «Kainan Maru» war ein Grund mehr für die japanische Bevölkerung, Shirases Angriff auf den Südpol nicht ernst zu nehmen. Als das Schiff am 29. November 1910 in Tokyo ablegte, stand nur gerade eine Handvoll Studenten am Pier, um Sayonara zu winken. Unter den 27 Mann Besatzung befand sich kein einziger Wissenschaftler, weil keiner mit auf diesen Trip wollte. Dafür waren 28 sibirische Schlittenhunde an Bord.
Ein Zeit-Check zeigte: Der Engländer Robert Falcon Scott war im Juni desselben Jahres in Richtung Antarktis aufgebrochen, der Norweger Roald Amundsen Anfang September. Wenn man bedenkt, dass diese Expeditionen auf drei bis vier Jahre ausgelegt waren, lag Nobu Shirase als dritter Konkurrent im Wettlauf um den Südpol noch recht gut im Rennen.
Als die «Kainan Maru» in See stach, herrschte grottenschlechtes Wetter. Noch konnte niemand ahnen, dass dies ein Omen für die ganze Expedition werden sollte.
Erster Versuch misslingt
Das Wetter bleibt mies bis zu ihrer Zwischenlandung in Wellington, Neuseeland, wo sie unter anderem 32 Tonnen Kohle und 36 Tonnen Trinkwasser verladen. Und wieder wird Nobu Shirase mit Häme überschüttet, diesmal von der neuseeländischen Presse: Das Schiff sei winzig, der Motor unbrauchbar, man lacht über die «Spielzeugschlitten aus Bambus» und den Proviant, der aus Reis, Bohnen und getrocknetem Tintenfisch besteht. Und man spottet über die Crew, weil in ihrer Obhut die Hälfte der Hundemeute nicht mal die harmlose Überfahrt nach Neuseeland überlebt hat.
Beleidigt, aber unverzagt sticht Shirase wieder in See. Das Wetter ist schon wieder grauenhaft. Kapitän Naokichi Nomura, ein erfahrener Seebär, gibt zu Protokoll, dass er seiner Lebzeit noch nie so hohe Wellen gesehen hat. Die «Kainan Maru» treibt darin wie eine Nussschale.
Wie wenig Ahnung die Japaner von dem haben, was auf sie zukommt, zeigt eine Episode, die sich auf See ereignet: Am 15. Februar legt sich der Sturm, ein diffuser Nebel liegt über den Wellen, und die ganze Crew beklagt sich über unerklärliches Kopfweh. Da taucht ein seltsames Tier aus dem Meer, die Männer sind ganz aus dem Häuschen, was könnte das sein? Es gelingt ihnen, das Tier mit Netzen einzufangen, und einer von der Crew identifiziert es als: Pinguin…
Wieder wird das Wetter harsch. Elf Tage nach dem «Pinguin-Vorfall» sichtet der Späher im Krähennest den ersten Eisberg. Weitere elf Tage später taucht Land auf, das Schiff befindet sich nahe beim Viktorialand. Das Wetter wechselt «innerhalb eines Augenzwinkerns», wie Shirase notiert, von Regen zu Schneefall zu Sturm zu Nebel zu Windböen mit hohen Wellen.
Tagelang cruisen sie der Eiskante entlang auf der Suche nach einem Platz, wo sie ankern und übersetzen können, aber das Wetter spielt nicht mit. Als Kapitän Nomura das Schiff nur mit Müh und Not aus einer sich schliessenden Eisdecke hinausmanövrieren kann, entscheidet sich Shirase schliesslich zum Rückzug. Denn eine Überwinterung auf dem festgesetzten Schiff hätte wahrscheinlich niemand überlebt. Weshalb, werden wir bald sehen.
Warten in Australien
1. Mai 1911: Keine drei Monate nach ihrer Abfahrt in Neuseeland läuft die «KainanMaru» in den Hafen von Sydney ein. Mannschaft und Schiff sind wieder in Sicherheit (von den Hunden hingegen lebt nur noch einer). Aber nun fühlen sich die Australier selbst bedroht.
Denn inzwischen hat sich das eh schon angespannte politische Klima in dieser Weltgegend weiter verschärft, und vorlaute Stimmen äussern den Verdacht, dass Nobu Shirase und seine Matrosen in Wahrheit Spione sind. Vielleicht ergibt sich dieser Verdacht bloss aus dem Umstand, dass auch die Australier diesen Haufen unbedarfter Japaner nicht als Antarktis-Eroberer ernst nehmen. So dürftig, wie die ausgerüstet sind… Und mit so einem Schiff…
Wieder macht man sich lustig über Nobu Shirase. Und das während Wochen. Denn die Crew bleibt vorerst in Sydney, sie auf einer Obstplantage in ärmlichsten Verhältnissen zeltet. Die «New Zealand Times» beschreibt Shirase und seine Männer als «Gorillas auf einem miserablen Fischkutter» und dass «diese Waldmenschen» in der Antarktis nichts zu suchen haben.
Derweil geht Kapitän Nomura zurück nach Japan, um neues Geld, neue Leute und neue Hunde aufzutreiben.
Rechts: Pech: Nobu Shirase mit einem Husky. Keiner der Hunde überlebte die Expedition.
Ein Name für den Gletscher
Inzwischen ist sogar Nobu Shirase klargeworden, dass er Roald Amundsen und Robert Falcon Scott nie mehr wird einholen können. Er gibt das Ziel Südpol auf und deklariert den anstehenden zweiten Antarktis- Versuch als wissenschaftliches Unternehmen. Tatsächlich bringt Kapitän Nomura neben Geld und 29 Hunden auch den einen und anderen echten Wissenschaftler mit nach Sydney.
Noch tiefer gekränkt als bei der Abfahrt von Neuseeland, aber nichtsdestotrotz in seinem Willen ungebrochen bricht Nobu Shirase mit seiner Crew am 19. November 1911 zum zweiten Mal in die Antarktis auf. Diesmal mit Proviant für zwei Jahre.
Auch beim zweiten Versuch zeigt eine kleine Episode, wie anders die Japaner ticken:
Am 16. Dezember schiesst einer der Seeleute auf eine Robbe. Der Schuss ist aber nicht tödlich, das Tier wehrt sich mit letzter Kraft gegen die Fangleinen. Kurzentschlossen entledigt sich einer der Matrosen seiner Kleider, hechtet unverzagt ins Wasser und kämpft mit der verwundeten Robbe. Aber nur so lange, bis er sich im eiskalten Wasser selber kaum mehr bewegen kann. Nun ist er es, der mit den Fangleinen gerettet werden muss. Zur Belohnung seines Mutes erhält der leichtsinnige Matrose von Shirase einen Korb frischer Früchte.
Was zu diesem Zeitpunkt niemand wissen konnte: Zwei Tage vor dem Robben-Ereignis hat Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol erreicht.
Ein paar Tage später attackiert eine Gruppe von 20 Orcas das Schiff mit heftigen Kopfstössen. Die Angreifer verwechseln ganz offensichtlich das kleine Schiff mit einem grossen Wal. Zum Glück fällt niemand über Bord. Auch nicht die beiden Matrosen vom Stamm der Ainus, für die Orcas Engel Gottes sind: Sie haben die Tiere während der Attacken inbrünstig angebetet.
Ach ja: Das Wetter ist garstig. Immer wieder gerät das Schiff in Stürme, es schneit, und nur phasenweise ist die See ruhig.
Immerhin: Am 16. Januar rudern vier Männer bei Position 78° 17’ S zum Eis rüber, erklimmen eine Eiswand und nennen den Gletscher, auf dem sie schliesslich stehen, «The Four Man’s Glacier» und die Bucht, auf die sie herabsehen, «Kainan Bay».
Respekt, Respekt
Kaum ist die «Kainan Maru» aus der nach ihr benannten Bucht hinausgefahren, sichtet die Crew ein fremdes Schiff rund 20 Kilometer vor ihnen. Shirase vermutet Piraten – ausgerechnet in der Antarktis!
Wie sich herausstellt, ist es die «Fram», das Schiff von Roald Amundsen, auf dem die Crew die Rückkehr des Südpoleroberers erwartet. Sie befinden sich in der Bucht der Wale. Eine Delegation der «Kainan Maru» besucht die «Fram», aber da die Norweger kein Japanisch und die Japaner kein Norwegisch sprechen und niemand des Englischen mächtig ist, reduziert sich die Konversation auf ratloses Arme-Fuchteln. Immerhin: Die Männer der «Fram» geben später zu Protokoll, dass sie tief beeindruckt waren von Mut der Japaner. Weil sie es mit so einem lausigen Schiff und einer quasi nicht existierenden Ausrüstung überhaupt so weit in die Antarktis geschafft hatten…
Klägliches Scheitern
Shirase beschliesst, in der Bucht der Wale das Festland in Angriff zu nehmen. Er lässt das Schiff durch die schwer vereiste Bucht zirkeln und setzt aufs Schelfeis über, wo er zuallererst mit einem kleinen Trupp die rund 50 Meter hohe, fast senkrechte Gletscherkante überwinden muss. Der Aufstieg ist gefährlich, aber erfolgreich: Endlich hat Shirase einen Platz gefunden, von wo aus er den unbekannten Kontinent erforschen kann.
Er bestimmt einen Stosstrupp, bestehend aus sieben Mann, und befehligt das Schiff zur Erkundung der nahe gelegenen König- Edward-VII-Halbinsel. Der Stosstrupp kraxelt erneut die Gletscherkante hoch. Oben angekommen, befehligt Shirase zwei Mann als «rückwärtiges Detachement». Mit vier Mann bricht Shirase ins Landesinnere auf. Endlich. Schliesslich hatte er seinem Kaiser versprochen, die japanische Flagge auf dem Südpol zu setzen. Doch kaum sind die Männer losmarschiert, meldet sich wieder mal das schlechte Wetter: Der Trupp hat erst 8 Meilen zurückgelegt, da zieht ein heftiger Sturm auf und setzt die Männer zwei Tage im Eis fest.
Spätestens jetzt ist der Moment, wo sich herausstellt, was die Ausrüstung taugt. Um es in einem Wort zu sagen: nichts. Socken und Shirts sind nicht etwa aus wärmender Schafswolle gefertigt, sondern aus leichter Baumwolle. Die Stiefel sind nur spärlich mit Filz gefüttert. Und die Schlafsäcke sind mit Hundefell ausgekleidet. Alles in allem wiegen Ausrüstung und die mitgebrachten Utensilien rund 750 Kilogramm – was bedeutet, dass jeder Schlittenhund mehr als 26 Kilogramm zu ziehen hat, was auf Dauer viel zu viel ist.
Entsprechend wird die Expedition zum Rohrkrepierer. Schnell beginnen die Pfoten der Hunde zu bluten. Unterwegs essen die fünf Abenteurer Miso-Suppe: Das traditionelle Gericht mit Tofu und Meeresalgen ist komplett fettfrei und deshalb kaum nahrhaft, das ist keine so gute Idee bei Temperaturen von minus 20 Grad. Die Stiefel halten die Füsse nicht warm. Die Zelte sind nicht winddicht. Die Schlafsäcke werden schnell feucht. Der Kompass funktioniert nicht, weil sich im Gepäck Dinge aus Eisen befinden.
Nach sieben Tagen gibt Shirase auf. Die Hunde sind halb tot vor Erschöpfung, die Männer sind komplett demoralisiert. 160 Meilen haben sie zurückgelegt – und sie sind noch nicht mal auf das Festland-Eis gelangt, sondern wandern immer noch auf dem Schelfeis. Sie haben lediglich die südliche
Breite von 80 Grad und 5 Minuten erreicht. Tapfer pflanzen die fünf Männer die japanische Flagge ins Eis und schiessen wenig begeistert ein Foto, sie vergraben eine Metallschachtel mit Schriftstücken zu ihrer Reise im Eis und machen sich auf den Rückweg. Drei Tage später, am 31. Januar 1912, ist der Stosstrupp wieder dort, wo er losgezogen ist.
Zwei Tage danach kommt die «Kainan Maru» von ihrer Erkundungsfahrt zurück in die Bucht der Wale. Das Schiff zirkelt erneut durch das Treibeis so nahe wie möglich an die Gletscherkante, damit der Stosstrupp mit Material und Hunden zurück an Bord genommen werden kann. Und schon wieder macht ein Sturm den Männern einen Strich durch die Rechnung: Mit Müh und Not gelangen zwar die sieben Männer zum Schiff, aber ein Temperatursturz lässt die eh schon stark vereiste Bucht im Eiltempo zufrieren.
Die Gefahr, dass das Schiff eingeschlossen wird und über Monate im Eis gefangen bleibt, ist hoch. Mit grossem Geschick wendet Kapitän Nomura die «Kainan Maru» und führt sie aus dem Packeis – in antarktischen Dimensionen gesehen kann man sagen: in allerletzter Sekunde. Ein Grossteil des Materials bleibt an der Gletscherkante zurück. Dort werden auch die Hunde ihrem Schicksal überlassen.
Doch noch ein Held
Am 20. Juni 1912 läuft die «Kainan Maru» unbeschadet in den Hafen von Yokohama ein. Shirase wird von einer jubelnden Menge als Held empfangen. Seine Mannschaft hat er ohne Verluste heil zurückgebracht. Den Presseleuten aller Welt ist das Lachen vergangen. Sie berichten sachlich, aber kurz von Shirases Rückkehr. In der «New York Times» darf der Held sogar selber einen knapp gehaltenen Bericht schreiben. Darin erwähnt er, dass er zwar «viele wissenschaftlich wertvolle Proben» aus der Antarktis mitgebracht habe, dass diese aber «zurzeit noch geheim gehalten werden müssen».
Auch die japanische Regierung macht mehr oder weniger ein Staatsgeheimnis aus der ersten japanischen Antarktis-Expedition. Warum das so ist, bleibt ebenfalls ein Geheimnis. So gerät der dritte Mann im Wettlauf um den Südpol, der nie ein ernsthafter Konkurrent war, schnell in Vergessenheit. In Japan selbst hält Nobu Shirase Vorträge im ganzen Land. Mit den Honoraren zahlt er seine auf heutige Verhältnisse umgerechnet 200 Millionen Yen Schulden ab, das entspricht 1,8 Millionen Franken. Er stirbt am 4. September 1946 im Alter von 85 Jahren an einem Darmverschluss.
Am 16. Dezember 1959 schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» in einem Artikel über Japans Verhältnis zur Antarktis-Konvention: «Japans Beiträge zur Erforschung des Südpols sind im Vergleich zu anderen Staaten sehr gering. Im Winter 1911/12 versuchte der Leutnant zur See Nobu Shirase mit einem Dreimastschoner das Prinz-Ragnhild- Land zu erreichen, scheiterte aber und kam an der Küste im Eis um.»
Hat sich da schon wieder jemand über den unerschrockenen Japaner lustig gemacht?
Text: Christian Hug
Bilder: Shirase Antarctic Expedition Memorial Museum

