Auf den ersten Blick wirken Indien und die Antarktis wie ein ungleiches Paar. Dennoch betreibt das asiatische Land seit 1981 ein eigenes Forschungsprogramm und unterhält heute zwei aktive Stationen sowie eine Unterstützungsbasis auf dem antarktischen Kontinent. Ein Blick weiter zurück zeigt jedoch, dass der Grundstein für dieses Programm bereits Jahre zuvor gelegt wurde, im Kopf eines jungen Meteorologen: Dr. Parmjit Singh Sehra, der als erster Inder die Antarktis umrundete und dort überwinterte.
Am Anfang der Geschichte des indischen Antarktisprogramms stand weder der Wunsch nach territorialer Expansion noch nach persönlichem Ruhm, sondern ein Traum vom Weltraum. Diesen hegte der indische Wissenschaftler Vikram A. Sarabhai, der heute als Begründer des indischen Raumfahrtprogramms gilt. Anfang der 1970er-Jahre wollte er sowjetischen Forschern in der Antarktis bei ihren Raketenexperimenten über die Schulter schauen. Diese dienten dazu, meteorologische Daten aus der oberen Atmosphäre zu gewinnen. Für dieses Vorhaben wählte er einen jungen, vielversprechenden Doktoranden aus, der an einen für Inder wohl exotischsten Ort reisen sollte: Parmjit Singh Sehra vom Physical Research Laboratory der Gujarat University in Ahmedabad. Mit nur 23 Jahren hatte der junge Wissenschaftler kaum eine Vorstellung davon, was ihn erwartete.
„Ich hatte in der Zeitung einen Artikel über den sowjetischen Versuch gelesen, Daten über die Eiskappe am Südpol zu sammeln, und träumte davon, eines Tages die Antarktis zu umrunden und selbst am Südpol zu stehen“, erinnert sich Dr. Singh Sehra. Sein Traum sollte schneller Wirklichkeit werden, als er erwartet hatte.
Der Zeitpunkt für die Zusammenarbeit war 1971 günstig: Die Sowjetunion plante eine zweijährige Expedition zur Umrundung der Antarktis und testete gleichzeitig neue Forschungsraketen zur Untersuchung der oberen Atmosphäre. Zudem waren die Beziehungen zwischen Indien und der Sowjetunion damals freundschaftlich geprägt. Gleichzeitig befand sich Indien jedoch erneut im Konflikt mit Pakistan, was die Beschaffung geeigneter Ausrüstung erschwerte.
Obwohl Indien zu dieser Zeit keine eigenen Ambitionen in der Antarktis verfolgte, gelang es Parmjit Singh Sehra, mit Zustimmung seiner Eltern und seiner Universität nach Australien zu reisen und dort das sowjetische Forschungsschiff Akademik Viese zu besteigen. Von hier aus begann seine 18-monatige Expedition zur Mirny-Station.
Der erste Eindruck des jungen Wissenschaftlers war überwältigend. Fasziniert von den zahlreichen Eisbergen schrieb er später in seinem Tagebuch, veröffentlicht unter dem Titel A Visit to the South Pole: „Es ist wirklich ein Märchenland, in dem selbst die Feen nicht zu wohnen wagen.“ Selbst die raue See konnte ihn nicht abschrecken; er genoss die Fahrt über den Südlichen Ozean und widmete sich konzentriert seiner Forschung.
Nach seiner Ankunft in Mirny verbrachte er insgesamt 18 Monate in der Antarktis. Gemeinsam mit sowjetischen Kollegen unternahm er eine Expedition zum geografischen Südpol und begleitete eine 1.500 Kilometer lange, schwierige Versorgungsfahrt zur Wostok-Station, durchgeführt mit Traktoren und Hundeschlitten. An Bord des Eisbrechers Navarin wurde er schließlich zum ersten Inder, der die Antarktis umrundete. Dabei besuchte das Team nicht nur sowjetische Stationen, sondern auch Forschungsstationen anderer Nationen. So konnte Sehra wertvolle Daten sammeln und wichtige internationale Kontakte knüpfen.
Seine Reise endete an der damaligen Hauptstation Molodezhnaya in der Ostantarktis, wo er ein ganzes Jahr verbrachte. Dort setzte er seine Forschungen fort und sammelte umfangreiche Datensätze. Gemeinsam mit sowjetischen Kollegen startete er 60 Raketen in die Atmosphäre. Dabei konnte er unter anderem erstmals nachweisen, dass ungewöhnliche Erwärmungen im antarktischen Winter mit vertikalen Energieflüssen aus dem Erdinneren sowie mit radioaktiven und photochemischen Prozessen in der oberen Atmosphäre zusammenhängen. Diese Erkenntnisse brachten ihm nicht nur seinen Doktortitel ein, sondern auch internationale Anerkennung als Meteorologe und Atmosphärenphysiker sowie als Experte für Organisationen wie die WMO und die NASA.
Während seiner Zeit in der Antarktis erlebte Singh Sehra nicht nur die beeindruckende Schönheit des Kontinents, sondern auch dessen harte Realität: Überlebenskampf, Hunger, Depression und Tod. Während der Versorgungsfahrt zur Wostok-Station verlor das Team zwei Mitglieder durch Krankheit und Unfall. Die erschöpften Schlittenhunde mussten schließlich getötet und als Nahrung genutzt werden, um das Überleben zu sichern.
Auch Singh Sehra selbst geriet mehrfach in Lebensgefahr: Er stürzte in eine Gletscherspalte und konnte nur dank der schnellen Hilfe seiner Kollegen gerettet werden. Ein anderes Mal fiel er von einem rund 200 Meter hohen Grat, und kam vergleichsweise glimpflich davon: mit einigen verlorenen Zähnen und einem gebrochenen Bein. Seine wohl schlimmste Erfahrung war jedoch eine eigenständige Expedition zu einem Eisberg nahe der Station, bei der ein plötzlich aufziehender Schneesturm und unzureichende Vorräte ihn beinahe verhungern ließen.
Auch die extremen Lichtverhältnisse belasteten ihn stark. In seinem Tagebuch schrieb er: „Ich muss sagen, dass sechs Monate ununterbrochene Dunkelheit, gefolgt von sechs Monaten Tageslicht am Südpol, ein äußerst langweiliges Naturphänomen sind.“ Später betonte er, wie sehr er den normalen 12-Stunden-Tag-Nacht-Rhythmus in Indien schätzen gelernt habe.
Die Zeit in der Antarktis machte aus dem jungen Meteorologen einen leidenschaftlichen Polarforscher. Er erkannte die zentrale Bedeutung des Kontinents für Meteorologie und Atmosphärenphysik und träumte davon, dass auch Indien Teil der internationalen Antarktisforschung wird. Am 25. Jahrestag der indischen Unabhängigkeit schickte er daher vom Südpol aus einen Brief nach Neu-Delhi an Premierministerin Indira Gandhi. Darin schlug er vor, dass Indien dem Antarktisvertrag beitreten, eigene Expeditionen durchführen und Forschungsstationen errichten sollte.
Dr. Singh Sehra betrachtet diesen Brief vom 15. August 1972 als die Geburtsstunde des indischen Antarktisprogramms. Dennoch vergingen weitere neun Jahre, bis die erste indische Expedition startete und andere Wissenschaftler dafür die Anerkennung erhielten.
Auf die Frage, ob er sich von der Geschichte übergangen fühle, antwortet er:
„Wir Menschen lieben es zu träumen. Und ich träumte davon, eine indische Forschungsstation zu eröffnen. Ich hätte damals nicht gedacht, dass die Quelle meines Traums nicht mehr leben würde. Doch meine Antarktiserfahrung hat in Indien ein großes Interesse an weiterer Erforschung geweckt, einschließlich der Errichtung von Forschungsstationen und regelmäßiger Expeditionen seit 1982. Das ist für mich eine sehr große Belohnung. Mein größter Traum ist wahr geworden.“
Hinweis der Redaktion
Bei der Recherche nach dem ersten Inder in der Antarktis wird häufig Syed Zahoor Qasim genannt. Er leitete 1981 die erste indische Antarktisexpedition, in deren Verlauf die Station Dakshin Gangotri gegründet wurde. Somit gilt Qasim als der erste Inder, der offiziell im staatlichen Auftrag in die Antarktis entsandt wurd.
Allerdings befand sich Singh Sehra bereits 1971 als Teil eines sowjetischen Forschungsteams für 18 Monate auf dem Kontinent. Daher kann er mit grosser Wahrscheinlichkeit als der erste Inder angesehen werden, der tatsächlich die Antarktis betreten hat.

