Zwei groß angelegte Studien kommen zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Wirksamkeit von Meeresschutzgebieten (Marine Protected Areas, MPAs) und zeichnen damit ein komplexes, aber entscheidendes Bild für die Zukunft des Meeresschutzes in den Polarregionen. Die eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Schutzgebieten industrielle Fischerei weit verbreitet ist, während die andere Studie zu dem Schluss gelangt, dass diese Gebiete äußerst wirksame Schutzzonen sind. Die Wahrheit liegt, wie sich herausstellt, im Detail und enthält wichtige Erkenntnisse für zukünftige MPAs in der Arktis und Antarktis.
Die Debatte über die Wirksamkeit von MPAs ist so hitzig wie die Gewässer entlang der antarktischen Halbinsel. Sind sie wirklich sichere Zufluchtsorte für Meeresbewohner oder einfach nur Linien auf einer Landkarte – „Papierparks“ -, die wenig dazu beitragen, den Vormarsch der industriellen Fischereiflotten aufzuhalten? Zwei Studien, die vor kurzem in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurden, bieten einen detaillierten, datengestützten Blick auf diese Frage, und ihre Ergebnisse könnten für die Zukunft der polaren Ozeane entscheidend sein.
Die erste Studie unter der Leitung von Raphael Seguin zeichnet ein besorgniserregendes Bild. Bei der Analyse Tausender küstennaher Meeresschutzgebiete weltweit wurde festgestellt, dass in fast der Hälfte davon industrielle Fangschiffe entdeckt wurden. Durch die Kombination öffentlicher Schiffsortungsdaten mit Satellitenradarbildern, die „dunkle” Schiffe ohne Ortungsgerät erkennen können, entdeckten die Forschenden ein erhebliches verstecktes Problem. Erstaunliche 67% der Schiffsentdeckungen innerhalb von MPAs stammten von diesen nicht georteten Schiffen.
Am alarmierendsten ist vielleicht die Schlussfolgerung der Studie, dass das offizielle Schutzniveau einer MPA wenig mit dem Umfang der Fischerei zu tun hat. Stattdessen „wurden die Präsenz und Dichte von Fischereifahrzeugen hauptsächlich durch die Größe und Abgeschiedenheit der MPAs bestimmt und nicht durch ihre Verwaltungskategorie selbst“. Dies bestätigt den seit langem gehegten Verdacht, dass viele MPAs „Restgebiete“ sind – Gebiete, die für die Fischerei uninteressant sind und eingerichtet wurden, um Naturschutzziele zu erreichen, ohne die Industrie zu beeinträchtigen.
Eine zweite Studie, die von Jennifer Raynor geleitet wurde, zeigt jedoch ein ganz anderes Bild. Dieses Forschungsteam wählte einen gezielteren Ansatz und untersuchte speziell MPAs, in denen die industrielle Fischerei durch klare, vollständig umgesetzte Vorschriften ausdrücklich verboten ist.
Ihre Schlussfolgerung fiel völlig anders aus: „Wir konnten in den meisten Fällen kaum bis gar keine Aktivitäten feststellen.“ In diesen streng geschützten Gebieten war die Dichte der Fangschiffe neunmal geringer als in ungeschützten Gewässern. Damit stellt die Studie die gängige Ansicht, dass die industrielle Fischerei in MPAs weit verbreitet ist, direkt in Frage.
Zwei Seiten der gleichen Medaille
Wie können diese beiden Ergebnisse wahr sein? Die Antwort liegt darin, was gemessen wurde. Die Studie von Raphael Sequin untersuchte eine breite Palette von MPAs, von denen viele schwache Vorschriften haben oder bestimmte Arten der industriellen Fischerei legal zulassen. Die Studie von Jennifer Raynor hingegen filterte nur die „Klassenbesten“ MPAs mit den strengsten, eindeutigsten Regeln heraus.
Zusammen zeigen sie, dass die Bezeichnung „MPA” irreführend sein kann. Viele verhindern tatsächlich nicht die industrielle Fischerei, wie Seguins Team feststellte. Die Untersuchungen von Raynor zeigen jedoch, dass eine MPA funktioniert, wenn sie mit klaren, strengen und durchgesetzten Vorschriften ausgestattet ist. Das Problem ist nicht das Konzept einer MPA an sich, sondern die schwache Konzeption und Umsetzung vieler bestehender Schutzgebiete.
Lektionen für die Polarregionen
Dieses detaillierte Verständnis ist von entscheidender Bedeutung, da die Welt bestrebt ist, die empfindlichen Ökosysteme der Arktis und Antarktis zu schützen. Der zentrale Arktische Ozean (CAO), in dem ein multinationales Abkommen unregulierte kommerzielle Fischerei verhindert, scheint dem erfolgreichen Modell aus der Raynor-Studie zu entsprechen. Es handelt sich um ein klares, proaktives Verbot für die industrielle Fischerei. Seine Wirksamkeit hängt vollständig vom Engagement der Unterzeichnerstaaten ab, dieses riesige, abgelegene Gebiet streng auf illegale, nicht erfasste Schiffe zu überwachen – genau die Art von Schiffen, auf die Seguin in seiner Studie hingewiesen hat.
Bei den geplanten MPAs rund um die Antarktis im Weddellmeer, in der Ostantarktis und auf der Antarktischen Halbinsel ist die Lage einiges komplizierter. Ihre Einrichtung wird seit Jahren durch geopolitische Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kommission für die Erhaltung der lebenden Meeresressourcen der Antarktis (CCAMLR) verzögert.
Globale Bemühungen wie die Dritte UN-Ozeankonferenz, die im Juni 2025 in Nizza stattfand, haben versucht, die politische Dynamik aufzubauen, die erforderlich ist, um den Hochsee-Vertrag zu ratifizieren und die Schaffung genau dieser Art von MPAs zu beschleunigen. Dennoch sind die vorgeschlagenen Schutzgebiete in der Antarktis laut den Studien mit zwei großen Risiken behaftet. Erstens besteht die Gefahr, dass sie zu „Restparks” werden. Um den für ihre Genehmigung erforderlichen Konsens zu erreichen, droht, dass die endgültigen Grenzen so gezogen werden, dass die wertvollsten Fischgründe ausgeschlossen werden, wodurch ihre tatsächliche Wirkung auf den Naturschutz begrenzt wäre. Zweitens bleiben sie bis zu ihrer vollständigen Umsetzung mit klaren Vorschriften reine „Papierparks”, die keinerlei Schutz bieten.
Eine letzte, entscheidende Schwierigkeit: Tiere lesen keine Karten
Selbst wenn die Polarregionen perfekt konzipierte und durchgesetzte Meeresschutzgebiete erhielten, bliebe eine grundlegende Herausforderung bestehen, die durch moderne Wildtier-Tracking-Studien immer deutlicher wird: Die Tiere selbst sind sehr mobil und beachten keine auf einer Karte eingezeichneten Grenzen. Die Wirksamkeit eines statischen Schutzgebiets ist von Natur aus begrenzt, wenn die Arten, die es schützen soll, den größten Teil ihres Lebens anderswo verbringen.
Dieses Problem wurde kürzlich in einer umfassenden Studie deutlich, in der die Tracking-Daten von 20 Arten polarer Meeressäugetiere, darunter Wale, Robben und Pinguine, zusammengetragen wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Tiere durchschnittlich nur 26 % ihrer Zeit innerhalb der Grenzen bestehender Meeresschutzgebiete verbrachten. Selbst die am besten erfasste Art in der Studie, der Zügelpinguin, war nur 55 % seiner Zeit geschützt. Bei besonders wichtigen Arten wie dem Südlichen Blauwal sank dieser Wert auf nur 3 %.
Eine weitere Studie, die 2022 in Frontiers in Marine Science veröffentlicht wurde, unterstreicht diesen Punkt und identifiziert erhebliche „Datenlücken“ im Südpolarmeer, wo sich die Bewegungen von 17 Raubtierarten konzentrieren, oft weit außerhalb der etablierten Schutzzonen. Diese Arbeit unterstreicht, dass die Standorte der derzeitigen MPAs möglicherweise nicht mit den tatsächlichen, ganzjährigen Lebensräumen übereinstimmen, auf die diese Tiere für die Nahrungssuche und die Fortpflanzung angewiesen sind. Zusammengenommen stellen diese Ergebnisse eine klare und dringende Botschaft dar: Statische MPAs allein sind kein Allheilmittel für den Schutz hochmobiler polarer Wildtiere.
Die Zukunft des Schutzes der Polarregionen könnte daher von einer dreiteiligen Strategie abhängen: Einrichtung von Meeresschutzgebieten mit klaren, strengen und durchsetzbaren Vorschriften, die sich bewährt haben; Sicherstellung, dass diese Gebiete an ökologisch kritischen Standorten und nicht nur in bequemen „Restzonen” liegen; und Anerkennung der Tatsache, dass für wandernde Arten ein Netzwerk von Schutzgebieten erforderlich ist, um sie auf ihren langen Wanderungen zu schützen. Die Wissenschaft ist eindeutig: Es ist bekannt, wie Schutzmaßnahmen funktionieren können. Die Frage ist, ob der politische Wille vorhanden ist, sie umzusetzen.
Links zu den Studien:
Jennifer Raynor et al., Little-to-no industrial fishing occurs in fully and highly protected marine areas. Science 389, 392-395 (2025) DOI:10.1126/science.adt9009