Das Abschmelzen der polaren Eisschilde gehört zu den meistdiskutierten Folgen des Klimawandels. Weit weniger Aufmerksamkeit erhält jedoch die Phase danach: Was passiert, wenn ein Eisschild eine Zeit intensiver Ausdünnung hinter sich hat? Stabilisiert er sich, oder wächst er erneut an? Genau dieser Frage gehen Forscherinnen und Forscher vom japanischen National Institute of Polar Research nun am Beispiel des ostantarktischen Eisschildes nach.
Um die heutige Entwicklung besser einordnen und künftige Veränderungen verlässlicher prognostizieren zu können, richtet die Wissenschaft den Blick zurück in die Erdgeschichte. Im Fokus steht die Region der Lützow-Holmbukta in der Ostantarktis. Dort untersuchen Forschende, ob auf eine Phase rascher Ausdünnung vor etwa 9.000 bis 6.000 Jahren eine Stabilisierung oder sogar eine erneute Verdickung des Eisschildes folgte.
Diese Erkenntnisse sind von zentraler Bedeutung: Sie helfen dabei, heutige Messdaten korrekt zu interpretieren und abzuschätzen, wie der ostantarktische Eisschild künftig auf anhaltende Erwärmung reagieren könnte. Gleichzeitig tragen sie zu einem umfassenderen Verständnis der Eisdynamik in der gesamten Antarktis bei, eine wichtige Grundlage für verbesserte Klimamodelle und politische Entscheidungen im Umgang mit dem Klimawandel.
Die Ergebnisse der Studie wurden am 17. November 2025 in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der ostantarktische Eisschild in dieser Region im mittleren Holozän eine komplexe Dynamik aufwies“, erklärt Studienautor Jun’ichi Okuno. Modelle, die nach einer raschen Ausdünnung eine moderate Wiederverdickung des Eisschildes um etwa 65 bis 100 Meter berücksichtigen, passten deutlich besser zu den Messdaten als bisherige globale Deglazialisierungsmodelle.
Für ihre Analyse kombinierten die Forschenden verschiedene Methoden in einem integrierten Ansatz. Mithilfe des Globalen Navigationssatellitensystems (GNSS) erfassten sie heutige Bodenbewegungen, die durch frühere Eislasten beeinflusst sind. Ergänzend nutzten sie Modelle der glazialen isostatischen Anpassung – Simulationen, die beschreiben, wie die Erdkruste auf Veränderungen der Eis- und Wassermassen reagiert. Diese Modelle basierten auf der bekannten Eisbelastungsgeschichte und berücksichtigten insbesondere die schnelle Ausdünnung im Gebiet Skarvsnes an der Lützow-Holmbukta sowie Ergebnisse früherer Studien.
Die Botschaft der Forschung ist klar: Die Geschichte des Eises ist kein linearer Prozess. Gerade diese Komplexität macht sie jedoch so wertvoll für das Verständnis der Gegenwart – und für die Vorbereitung auf eine Zukunft, in der die Stabilität der großen Eisschilde eine entscheidende Rolle für den globalen Meeresspiegel spielen wird.
Heiner Kubny, PolarJournal

