Die frühesten Bewohner Grönlands verfügten bereits über ausgeprägte maritime Fähigkeiten. Archäologische Funde auf den Kitsissut-Inseln im hohen Norden Grönlands belegen, dass Paläo-Inuit vor rund 4500 Jahren wiederholt Hochseereisen unternahmen, die nach heutigem Kenntnisstand zu den längsten bekannten Fahrten arktischer Jägergruppen dieser Zeit zählen.
Die Kitsissut-Inseln liegen mehr als 50 Kilometer vom nächstgelegenen Festland entfernt. Der Seeweg führt durch dauerhaft offenes, strömungsreiches Gewässer. Modellrechnungen und ethnografische Vergleiche legen nahe, dass die Rückfahrt, abhängig von Wind und Strömung, bis zu 15 Stunden ununterbrochenes Paddeln erfordert haben könnte. Dabei bestand stets das Risiko, in die Baffin Bay abgetrieben zu werden. Mit seinem Team hat Matthew Walls die schon frühe Anwesenheit von Paläo-Inuit entdeckt und dokumentiert.
Ein internationales Forschungsteam um den Archäologen Matthew Walls konnte auf den Inseln mehrere Befunde identifizieren, die auf wiederholte menschliche Anwesenheit hindeuten. Dazu gehören charakteristische Steinsetzungen aus zwei eng aneinanderliegenden Ringen, die als Fundament für Zelte mit zentraler Feuerstelle interpretiert werden. Solche Strukturen sind aus anderen Fundplätzen der Paläo-Inuit bekannt und gelten als verlässlicher Hinweis auf temporäre Lagerplätze.
Die Wahl der Kitsissut-Inseln als Aufenthaltsort lässt sich durch ihre ökologischen Bedingungen erklären. Während der Sommermonate brüten dort große Kolonien von Dickschnabellummen an steilen Klippen. Die Vögel und ihre Eier stellen eine leicht zugängliche und energiereiche Nahrungsquelle dar. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass die Inseln gezielt und vermutlich saisonal aufgesucht wurden.
Die Überfahrten erfolgten wahrscheinlich in Booten mit hölzernem Gerüst, bespannt mit Tierhäuten, wie sie aus späteren arktischen Kulturen bekannt sind. Die Funde legen nahe, dass entsprechende Kenntnisse in Bootsbau, Navigation und Wetterbeobachtung bereits früh zur kulturellen Ausstattung der Paläo-Inuit gehörten.
Insgesamt zeichnen die Ergebnisse ein differenzierteres Bild der frühen Besiedlung Grönlands. Die Paläo-Inuit erscheinen nicht nur als an extreme Umweltbedingungen angepasste Jäger, sondern auch als erfahrene Nutzer maritimer Räume. Offenes Meer stellte für sie keine unüberwindbare Barriere dar, sondern war integraler Bestandteil ihres Aktionsraums.
Heiner Kubny, PolarJournal

