Eine spektakuläre Entdeckung sorgt für Aufsehen in der Meeresforschung: Erstmals ist ein großer Schlafhai in der eiskalten Tiefsee der Antarktis gefilmt worden. Das Tier, dessen Länge auf drei bis vier Meter geschätzt wird, wurde in rund 490 Metern Tiefe nahe der Südlichen Shetlandinseln aufgezeichnet, bei Wassertemperaturen nahe dem Gefrierpunkt.
„Als Faustregel gilt, dass es in der Antarktis keine Haie gibt“, sagte der Meeresforscher Alan Jamieson vom Minderoo-UWA Deep-Sea Research Center der University of Western Australia. „Und es ist nicht einmal ein kleiner. Das ist ein gewaltiger Hai. Diese Tiere sind wie Panzer.“
Die vom Minderoo-UWA Deep-Sea Research Center betriebene Kamera, die das Leben in den tiefsten Regionen der Weltmeere erforscht, befand sich vor den Südlichen Shetlandinseln nahe der Antarktischen Halbinsel. Sie liegt damit deutlich innerhalb der Grenzen des Antarktischen Ozeans, der südlich des 60. Breitengrades liegt.
Nach Angaben Jamiesons konnte er keinen früheren dokumentierten Nachweis eines Hais so weit im Süden finden. Auch der unabhängige Naturschutzbiologe Peter Kyne von der Charles Darwin University bestätigte, dass ein Hai in dieser Region bislang nicht erfasst worden sei.
Der Schlafhai bewegte sich langsam entlang des Meeresbodens in etwa 500 Metern Tiefe. Dort befindet sich unter mehreren Wasserschichten eine vergleichsweise wärmere Schicht. Der Antarktische Ozean ist bis in etwa 1.000 Meter Tiefe stark geschichtet, was einen Austausch zwischen den Wassermassen erschwert.
Ob der Klimawandel und die Erwärmung der Ozeane Haie in südlichere Gewässer treiben, ist unklar. Aufgrund der Abgeschiedenheit der Region gibt es nur wenige Daten. Möglich sei auch, dass Schlafhaie schon seit langer Zeit in diesen Tiefen leben, bislang jedoch unentdeckt geblieben sind.
Da Forschungskameras in dieser Tiefe nur während der Sommermonate der Südhalbkugel eingesetzt werden können, bleiben große Teile des Jahres unbeobachtet. „In den übrigen 75 Prozent des Jahres schaut überhaupt niemand hin“, so Jamieson. Die Entdeckung zeigt, wie wenig über die Tiefsee der Antarktis bisher bekannt ist und welches Überraschungspotenzial sie birgt.
Heiner Kubny, PolarJournal

