Die Rolle der Wissenschaft bei der Entwicklung von Orten in der Antarktis

von Marcel Schütz
02/23/2026

Ankunft in der neuseeländischen Scott-Base in der Antarktis

Die Antarktis erscheint auf Karten oft als leere weisse Fläche. Doch für die Menschen, die dort arbeiten, ist sie alles andere als ein abstrakter Raum. Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie stark die Feldsaison das Bild des Kontinents prägt und wie aus Eis, Licht und Forschung ein erfahrener Ort wird.

Die Studie basiert auf Interviews mit Forschenden an der neuseeländischen Scott Base.
Ziel der Untersuchung war es zu verstehen, wie wissenschaftliche Praxis, persönliche Erfahrung und globale Verbindungen zusammenwirken, um aus einem scheinbar leeren Raum einen gelebten Ort zu machen. 

Der Sommer als Motor der Antarktis

Seit den ersten Reisen in den Südozean bestimmt die extreme Saisonabhängigkeit das menschliche Handeln im Süden. Schon Walfänger und Robbenjäger konnten die Region hauptsächlich im Sommer erreichen, wenn das Meereis nachliess und lange Tage Arbeit ermöglichten.

Auch heute konzentriert sich die wissenschaftliche Feldsaison auf wenige Monate zwischen Oktober und Februar. In dieser Zeit steigt die Zahl der Menschen auf dem Kontinent stark an, Projekte laufen parallel, Flugverbindungen funktionieren regelmässig und die Infrastruktur arbeitet am Limit.

Biologen untersuchen Tierpopulationen, Geologen rekonstruieren Landschaftsgeschichte, Atmosphärenforscher analysieren Klimaprozesse. Mit dem Ende des Sommers verschwinden die meisten Teams wieder, zurück bleibt nur eine kleine Wintercrew.

Dieser kurze, intensive Zeitraum macht die Antarktis zu einem Ort der Verdichtung, wissenschaftlich, logistisch und menschlich.

Forschung in der neuseeländischen Scott-Base in der Antarktis

Licht ohne Ende, Zeit ohne Struktur

Ein zentrales Element der Feldsaison ist das polare Licht und die Mitternachtssonne. In Regionen innerhalb des südlichen Polarkreises geht die Sonne im Sommer monatelang nicht unter. Für Forschende bedeutet das nicht nur längere Arbeitszeiten, sondern auch eine deutliche Verschiebung ihres Zeitgefühls.

Viele berichten, dass Tage ineinander übergehen, Schlafrhythmen sich auflösen und der Alltag fast unwirklich wirkt. Gleichzeitig verstärkt das Dauerlicht die Produktivität und den Druck.

Denn Monate oder Jahre Vorbereitung kulminieren oft in wenigen Wochen Feldarbeit. Wetterumschwünge, technische Probleme oder logistische Verzögerungen können Projekte jederzeit stoppen. Dieses Spannungsfeld führt zu einem paradoxen Arbeitsgefühl, das Forschende häufig mit „Hurry up and wait“ beschreiben: hektische Aktivität, unterbrochen von erzwungenem Stillstand. 

Feldarbeit unter der Mitternachtssonne

Vom Sehnsuchtsort zum Arbeitsplatz

Mit jeder weiteren Reise verändert sich die Wahrnehmung vieler Forschender. Was beim ersten Aufenthalt noch wie eine spektakuläre Expedition erscheint, wird mit der Zeit zunehmend als Arbeitsplatz erlebt.

Die Antarktis wird damit nicht nur als Naturraum wahrgenommen, sondern auch als funktionaler Forschungsraum, ein internationales Labor, in dem wissenschaftliche Routinen, Logistik und Teamarbeit den Alltag bestimmen.

Diese Entwicklung steht in einer längeren historischen Linie: Spätestens seit dem Internationalen Geophysikalischen Jahr in den 1950er Jahren hat sich die Antarktis dauerhaft zu einem globalen Wissenschaftsraum entwickelt.

Forscher vor der Shackleton-Hütte in der Antarktis

Ein Kontinent aus Verbindungen

Die Untersuchung zeigt zudem, dass Antarktisforschung nie isoliert stattfindet. Jede Expedition ist Teil eines globalen Netzwerks aus Institutionen, Förderprogrammen, Transportketten und internationalen Kooperationen.

Der Weg in die Antarktis beginnt meist lange vor der Ankunft, mit Kontakten zu Forschungsgruppen, Bewerbungen, logistischer Vorbereitung und internationaler Zusammenarbeit. Auch vor Ort bestimmen diese Verbindungen den Alltag zwischen Stationen, Nationen und Disziplinen.

In diesem Sinn entsteht die Antarktis nicht nur durch ihre Landschaft, sondern durch Beziehungen.
Sie ist ein Ort, der durch globale wissenschaftliche Netzwerke mit aufgebaut wird. 

Geschichten, die den Kontinent formen

Ein weiteres Ergebnis betrifft die Vermittlung dieser Erfahrungen. Viele Forschende berichten, wie schwer es ist, das Leben im antarktischen Feld zu Hause zu erklären.

Fotos, persönliche Berichte und wissenschaftliche Geschichten werden deshalb zu zentralen Mitteln, um die Erfahrung zu teilen. Diese Narrative prägen wiederum das Bild der Antarktis in der Öffentlichkeit, selbst bei Menschen, die den Kontinent nie betreten werden.

So entsteht ein Kreislauf: Forschung formt Erfahrungen, Erfahrungen erzeugen Geschichten, und diese Geschichten formen das globale Bild der Antarktis. 

Ein Ort, der ständig neu entsteht

Die Studie macht deutlich, dass die Antarktis kein statischer Raum ist. Ihre Bedeutung entwickelt sich fortlaufend, durch Umweltbedingungen, wissenschaftliche Arbeit und menschliche Wahrnehmung.

Jede Feldsaison bringt daher nicht nur neue Daten hervor, sondern trägt auch dazu bei, wie wir diesen extremen Kontinent verstehen.

Die Antarktis wird so nicht nur erforscht. Sie wird mit jeder Saison neu zu einem Ort gemacht.

Diese Studie ist von Dr. Erin Neufeld