Ein internationales Forschungsteam hat den bislang längsten jemals unter einem Eisschild gebohrten Sedimentkern geborgen, ein wissenschaftlicher Durchbruch für die Klimaforschung. Die 228 Meter lange Probe aus Schlamm und Gestein wurde unter 523 Metern Eis am Crary-Eisrücken am Rand des westantarktischen Eisschildes gewonnen. Der abgelegene Bohrstandort liegt mehr als 700 Kilometer von den nächstgelegenen Antarktisstationen entfernt.
Der Kern entstand im Rahmen des internationalen Projekts SWAIS2C (Sensitivity of the West Antarctic Ice Sheet to 2°C) und reicht nach ersten Analysen bis zu 23 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurück. Er enthält ein einzigartiges Klimaarchiv aus früheren Warmzeiten der Erdgeschichte, darunter Phasen, in denen die globalen Durchschnittstemperaturen deutlich über 2°C über dem vorindustriellen Niveau lagen.
Der westantarktische Eisschild speichert genug Eis, um den globalen Meeresspiegel bei vollständigem Abschmelzen um 4 bis 5 Meter ansteigen zu lassen. Satellitenmessungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen bereits einen beschleunigten Massenverlust. Unklar war bislang jedoch, wie empfindlich der Eisschild auf eine Erwärmung über 2°C reagiert. Der neue Sedimentkern liefert nun erstmals direkte geologische Belege aus dem Randbereich des Eisschildes selbst, eine entscheidende Grundlage für präzisere Klimamodelle.
Besonders aufschlussreich sind Funde von Muschelfragmenten sowie Überreste lichtabhängiger Meeresorganismen. Sie belegen, dass sich an diesem Ort in der Vergangenheit offenes Meer befand, dort, wo heute rund 500 Meter dickes Eis liegt. Diese Hinweise deuten auf frühere Rückzugsphasen oder möglicherweise sogar auf einen teilweisen Zusammenbruch des Eisschildes hin. Die nun beginnende detaillierte Datierung und Analyse soll klären, wann genau diese Phasen stattfanden und welche Umweltbedingungen sie auslösten.
Die Expedition stellte in der Saison 2025/26 enorme technische und logistische Anforderungen. Ein 29-köpfiges Team aus Wissenschaftlern, Ingenieuren und Polarspezialisten lebte fast zehn Wochen in einem abgelegenen Feldlager auf dem Eis. Mithilfe eines Heißwasserbohrers wurde zunächst ein 523 Meter tiefes Loch durch den Eispanzer geschmolzen. Anschließend wurden über 1300 Meter Bohrgestänge eingesetzt, um die darunterliegenden Sedimente zu erreichen. Frühere Bohrversuche waren an technischen Schwierigkeiten gescheitert, der erfolgreiche Abschluss gilt daher als bedeutender technologischer Meilenstein in der Antarktisforschung.
Der Sedimentkern wurde inzwischen zur Scott-Basis transportiert und wird weiter nach Neuseeland gebracht. Von dort aus werden Proben an Forschungseinrichtungen in den beteiligten Ländern verteilt. Das internationale Team arbeitet bereits daran, die im Kern gespeicherten Klimainformationen auszuwerten.
Die gewonnenen Daten sollen maßgeblich dazu beitragen, die zukünftige Entwicklung des westantarktischen Eisschildes und den möglichen globalen Meeresspiegelanstieg unter fortschreitender Erwärmung besser abzuschätzen.
Heiner Kubny, PolarJournal

