Die Arktis erwärmt sich schneller als jede andere Region der Erde. Was in wissenschaftlichen Diagrammen nüchtern als Temperaturkurve erscheint, bedeutet für die Tiere des Nordens einen radikalen Umbruch. Besonders deutlich wird das Schicksal der Pazifischen Walrosse. Sie ziehen sich immer weiter nach Norden zurück, dorthin, wo das Eis noch nicht vollständig verschwunden ist.
Aktuelle Beobachtungen der Pazifik-Niederlassung des russischen Föderalen Forschungsinstituts für Fischerei und Ozeanographie zeichnen ein eindringliches Bild. Im Fokus stand 2025 die gewaltige Walrosskolonie von Serdtse-Kamen im Nordosten der Tschukotka-Halbinsel, einst ein Ort, an dem sich das Leben in überwältigender Fülle versammelte.
Vom 23. September bis 26. Oktober 2025 begleiteten Forscherinnen und Forscher die Tiere durch ihre gesamte saisonale Aktivitätsphase. Doch was sie sahen, war mehr als nur eine Bestandsaufnahme. Es war ein Zeichen des Wandels. Seit 2009 wird die Kolonie systematisch überwacht. Wanderungszeiten, Altersstruktur, natürliche Verluste, jedes Detail wird dokumentiert. Und doch erzählen die Zahlen inzwischen eine Geschichte, die weit über Statistik hinausgeht.
Wo sich früher bis zu 100.000 Walrosse an der Küste drängten, waren es 2025 nur noch rund 32.000 Tiere. Bereits 2024 war ein deutlicher Einbruch festgestellt worden. Nur in einzelnen Jahren wie 2012 und 2016 sanken die Zahlen zeitweise unter 40.000, doch nun scheint sich ein langfristiger Trend zu verfestigen. Die großen, dicht gedrängten Kolonien, die das Bild dieser Küste über Jahrzehnte prägten, schrumpfen.
Mit dem Meereis verschwindet ihr sicherer Lebensraum. Walrosse sind auf das Eis angewiesen, als Ruheplatz zwischen ausgedehnten Tauchgängen auf Nahrungssuche. Zieht sich das Eis weiter ins Nordpolarmeer zurück, müssen die Tiere längere Wege zurücklegen, sammeln sich an Land und geraten dort unter zusätzlichen Stress. Jeder Verlust an Eis verändert ihren Rhythmus, ihre Wanderungen, ihr Überleben.
Langzeitstudien über drei Jahrzehnte zeigen tiefgreifende Verschiebungen. Kolonien an der Ostküste Kamtschatkas und im südlichen Tschukotka nehmen ab oder verschwinden ganz. Gleichzeitig entstehen weiter nördlich neue Ruheplätze. Ehemals verlassene Orte an der arktischen Küste Tschukotkas, etwa am Kap Kozhevnikov nahe Kap Schmidt (Ryrkajpij) und am Kap Vankarem, werden wiederbesiedelt. Es ist, als würden die Walrosse der Kälte hinterherziehen.
Die neuesten Daten bestätigen damit, was sich seit Jahren abzeichnet. Das Pazifische Walross verschiebt sein Verbreitungsgebiet zunehmend in den nördlichsten Teil seines Lebensraums. Für die Wissenschaft ist das ein klarer Indikator für die dramatischen ökologischen Veränderungen in der Arktis.
Für die Tiere selbst ist es ein stiller, unaufhaltsamer Rückzug, Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer, in eine Welt, die immer kleiner wird.
Rosamaria Kubny, PolarJournal

