Das Auftreten des hochpathogenen aviären Influenzavirus (HPAI) H5N1 in der Antarktis bleibt ein zentrales Thema der internationalen Forschung. Ziel der laufenden Studien ist es, die Ausbreitung des Virus sowie mögliche Auswirkungen auf die empfindlichen Wildtierpopulationen des Kontinents frühzeitig zu erkennen.
Koordinierte Überwachung in der Antarktis
Seit drei Jahren betreibt das Instituto Antártico Chileno (INACH) gemeinsam mit Forschenden der Universidad de Chile ein systematisches Überwachungsprogramm. Dabei werden Umwelt- und Bioproben von gesunden, kranken und toten Tieren gesammelt und analysiert, um das Virus möglichst frühzeitig nachzuweisen.
Nach Angaben von Dr. Víctor Neira Ramírez wurde H5N1 bislang nur bei einzelnen toten Exemplaren nachgewiesen, darunter Raubmöwen, Antarktische Kormorane, Adeliepinguine, Kelpmöwen und Antarktische Seebären. Ein großflächiges Massensterben wurde bisher nicht festgestellt, auch wenn einzelne Standorte weiterhin engmaschig beobachtet werden.
Verlässliche Diagnostik und Feldarbeit
Die Diagnose erfolgt nach klar definierten Protokollen. In abgelegenen Gebieten werden zunächst Antigen-Schnelltests eingesetzt, die eine erste Einschätzung ermöglichen. Verdachtsfälle werden anschließend mittels hochpräziser Echtzeit-PCR im Labor bestätigt und dem chilenischen Landwirtschafts- und Viehzuchtdienst (SAG) gemeldet.
Im Rahmen der jüngsten Antarktisexpeditionen konnte die Überwachung auch auf schwer zugängliche Regionen der Antarktischen Halbinsel ausgeweitet werden. Diese logistische Erweiterung gilt als wichtiger Schritt zur besseren Einschätzung der epidemiologischen Lage.
Forschung für langfristige Vorsorge
Die Überwachung wird durch mehrere nationale Forschungsprojekte unterstützt, die unter anderem von der Nationalen Agentur für Forschung und Entwicklung (ANID) sowie dem Nationalen Antarktis-Wissenschaftsprogramm (PROCIEN) gefördert werden. Im Mittelpunkt stehen die Verbreitung, genetische Entwicklung und möglichen Anpassungen des Virus an antarktische Tierarten.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Genomsequenzierung positiver Proben. Sie liefert entscheidende Hinweise auf den Ursprung und die Evolution des Virus und hilft zu verstehen, warum bestimmte Arten stärker betroffen sind als andere.
Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es keine Hinweise auf eine akute Gefährdung ganzer Populationen. Dennoch betonen die Forschenden, dass eine kontinuierliche und koordinierte Überwachung unerlässlich bleibt, um Risiken für die einzigartige Tierwelt der Antarktis frühzeitig zu erkennen.
Heiner Kubny, PolarJournal

