Narwale gehören zu den auffälligsten und zugleich geheimnisvollsten Walen der Arktis. Bekannt sind sie vor allem für ihren langen, spiralförmigen Stoßzahn, einen verlängerten Zahn mit Millionen von Nervenenden. Sie leben in abgelegenen, eisbedeckten Gewässern und tauchen auf der Nahrungssuche mehr als 1000 Meter tief. Trotzdem sind sie in freier Wildbahn nur selten zu sehen. Eine aktuelle Studie zeigt einen ungewöhnlichen Weg, sie dennoch zu beobachten: durch die Begleitung einer Inuit-Jagd.
Im Nordwesten Grönlands arbeiteten Forschende mit lokalen Jägern zusammen und nutzten eine traditionelle Narwaljagd als Gelegenheit für wissenschaftliche Beobachtungen. Innerhalb von sechs Tagen im August dokumentierte das Team 83 Begegnungen und mehr als 500 Tiersichtungen von einem kleinen Boot aus. Drohnenaufnahmen ergänzten die Beobachtungen und machten Verhaltensweisen sichtbar, die von der Wasseroberfläche aus verborgen bleiben, etwa Kälber oder Stoßzähne unter Wasser.
(Abbildung: Ogawa & Podolsky 2026, Polar Biology)
Die Jagd machte deutlich, wie schwierig es ist, Narwale überhaupt zu finden. Teilweise vergingen bis zu 28 Stunden zwischen zwei Sichtungen, und während des größten Teils der Zeit waren keine Tiere zu sehen. Wenn sie auftauchten, dann meist in kleinen Gruppen von etwa fünf Tieren. Diese erschienen oft in kurzen Phasen über mehrere Stunden hinweg, bevor sie wieder verschwanden. Selbst erfahrene Jäger unternahmen nur wenige Fangversuche, und eine erfolgreiche Jagd kann bis zu einer Woche dauern.
Auch der Stoßzahn der Narwale ließ sich mithilfe der Drohnen genauer untersuchen. Rund 70 Prozent der beobachteten Tiere trugen einen Stoßzahn, der im Durchschnitt fast ein Viertel der Körperlänge erreicht. Diese Beobachtungen liefern seltene Einblicke in die körperlichen Merkmale der Tiere und könnten helfen, jüngere von erwachsenen Individuen zu unterscheiden.
Zu den auffälligsten Beobachtungen gehörte ein schlafähnlicher Zustand an der Wasseroberfläche. Dabei lagen Narwale mehrere Minuten regungslos im Wasser, ein Verhalten, das in der nordgrönländischen Sprache Avanersuarmiutut als «pugginnartoq» bezeichnet wird. Die Drohnenaufnahmen zeigten außerdem komplexe soziale Dynamiken: Gruppen trennten sich und fanden wieder zusammen, ohne klaren Anführer. Selbst junge Tiere können dabei Tauchbewegungen auslösen, denen die übrige Gruppe folgt.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Narwale häufig mit den Meeresströmungen bewegen und den Fjord vor allem am Nachmittag verlassen. Gleichzeitig lieferte das Wissen der Inuit wichtige Hinweise, etwa zur Empfindlichkeit der Tiere gegenüber Schatten, die für die Jagd eine Rolle spielt.
Die Kombination aus traditionellen Praktiken und moderner Technik wie Drohnen zeigt, wie gut sich beide Ansätze ergänzen können. In einer Region, in der wissenschaftliche Daten weiterhin begrenzt sind, ist die Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften entscheidend, um Arten wie den Narwal und ihre sich verändernde Umwelt besser zu verstehen.
Léa Zinsli, PolarJournal

