Grönlandwale übernehmen Gesänge anderer arktischer Arten

von Léa Zinsli
06/19/2026

Neue Forschung zeigt, dass Grönlandwale in der Arktis Geräusche anderer Arten imitieren und in ihre Gesänge einbauen können.
Grönlandwale teilen die arktische Klanglandschaft mit anderen vokalen Arten wie Bartrobben und Narwalen

In den Gewässern rund um Svalbard zeigen Grönlandwale eine unerwartete Facette ihres ohnehin bemerkenswerten Lautverhaltens. Eine neue Studie belegt, dass diese arktischen Giganten sich nicht allein auf ihr eigenes Repertoire verlassen. Sie imitieren auch die Laute anderer Arten und bauen diese in ihre Gesänge ein.

Grönlandwale sind dafür bekannt, einige der komplexesten und variabelsten Gesänge im Tierreich zu produzieren. Die Männchen singen vor allem in den Wintermonaten, wenn die Fortpflanzungsaktivität ihren Höhepunkt erreicht. Anders als Buckelwale, die sich häufig auf gemeinsame Gesänge innerhalb einer Population einigen, verändern Grönlandwale ihre Lautmuster kontinuierlich und erzeugen so eine außergewöhnliche Vielfalt, die Forschende lange vor ein Rätsel stellte.

Jahrelange Unterwasseraufnahmen haben nun ein klareres Bild geliefert. Forschende des Norwegischen Polarinstituts stellten wiederholt fest, dass Gesänge von Grönlandwalen Laute enthalten, die stark an die Rufe von Bartrobben erinnern. Diese langen, abfallenden Triller sind ein prägendes Element der arktischen Klanglandschaft, und beide Arten nutzen ähnliche Frequenzbereiche. Da sich ihre Lautaktivität außerhalb der Hauptfortpflanzungszeiten überschneidet, sind Wale vermutlich regelmäßig diesen Rufen ausgesetzt. Die Triller sind zudem akustisch anspruchsvoll, und ihre Integration in den Walgesang könnte eine Form vokaler Leistungsfähigkeit darstellen.

Grönlandwale können Rufe von Bartrobben imitieren und in ihre Gesänge einbauen

Zunächst sorgten die Aufnahmen für Zweifel. Die Laute wirkten fehl am Platz in den Gesängen der Wale. Doch detaillierte Analysen bestätigten, dass die Wale sie selbst erzeugten. Entscheidend ist, dass die imitierten Laute nicht isoliert auftreten. Sie sind in die strukturierten und sich wiederholenden Gesangsmuster der Wale eingebettet, was zeigt, dass die Tiere aktiv das Gehörte aufnehmen und verändern.

Dieses Verhalten weist auf komplexes vokales Lernen hin, eine seltene Fähigkeit im Tierreich. Sie umfasst die Fähigkeit, neue Laute durch Zuhören zu erlernen und präzise wiederzugeben. Während dies bei einigen Vögeln und wenigen Säugetieren gut dokumentiert ist, wurde es bei Bartenwalen bislang seltener nachgewiesen. Die Ergebnisse ordnen Grönlandwale in die kleine Gruppe von Arten ein, die über eine solche fortgeschrittene akustische Flexibilität verfügen.

Diese vokale Flexibilität könnte eine Rolle bei der Fortpflanzung spielen. Es wird angenommen, dass Grönlandwale während der Balz auf akustische Signale setzen, bei denen die Komplexität der Gesänge als Hinweis auf die Fitness eines Individuums dienen kann. Bei anderen Arten sind besonders anspruchsvolle oder komplexe Lautäußerungen mit größerem Fortpflanzungserfolg verbunden. Ein ähnlicher Mechanismus könnte auch hier wirken.

Gesänge von Grönlandwalen (rot markiert) zeigen Imitationen von Rufen der Bartrobbe (schwarz markiert), einschließlich verschiedener Klangtypen, die rund um Svalbard aufgezeichnet wurden (Abbildung: Polar Research 2026. © 2026 S.M. Llobet et al.)

Es gibt zudem Hinweise darauf, dass Grönlandwale weitere Geräusche aus ihrer Umgebung imitieren könnten, darunter Rufe von Narwalen und sogar Geräusche des Meereises. Diese Beobachtungen sind weniger eindeutig, deuten jedoch darauf hin, dass die Wale auf eine vielfältige und dynamische akustische Umwelt reagieren.

Der Arktische Ozean ist eine komplexe und sich ständig verändernde Klanglandschaft, geprägt von Meereis, saisonalen Veränderungen und sich überlagernden Tierlauten. In diesem Umfeld erscheinen Grönlandwale nicht nur als produktive Sänger, sondern auch als aufmerksame Zuhörer, die ihre Gesänge an die Geräusche ihrer Umgebung anpassen.

Léa Zinsli, PolarJournal