Die Arktis wird oft als abgelegene Wildnis aus Eis und Tieren wahrgenommen, doch für die Menschen, die dort leben, ist sie zugleich ein zentrales Ernährungssystem. Tiere, die an Land und im Meer gejagt werden, sind nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil von Ernährung, Kultur und Wohlbefinden in nördlichen Gemeinschaften. Eine neue Studie, veröffentlicht in Zoonoses and Public Health wertete mehr als 3’000 wissenschaftliche Studien aus. Sie zeigt, dass die enge Beziehung zwischen Menschen und Wildtieren Zoonosen besonders relevant macht, also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden.
Die Forschenden untersuchten Studien aus Alaska, dem Norden Kanadas und Grönland. Dabei werden sowohl die große wissenschaftliche Aufmerksamkeit für arktische Tiere als auch bestehende Lücken sichtbar. Die meisten Studien konzentrieren sich auf Tiergesundheit, Umweltkontaminanten und Wildtierpopulationen. Deutlich weniger Arbeiten befassen sich damit, was diese Erkenntnisse für die menschliche Gesundheit bedeuten, obwohl viele Menschen in der Arktis regelmäßig Wildtiere verzehren. Dieses Ungleichgewicht ist bedeutsam, da Veränderungen in der Tiergesundheit zu Risiken für Ernährungssicherheit und öffentliche Gesundheit führen können.
Ein durchgängiges Ergebnis über mehrere Jahrzehnte Forschung hinweg ist, dass eine vergleichsweise kleine Zahl von Krankheitserregern das Krankheitsgeschehen in der Arktis prägt. Unter den Parasiten gehören Toxoplasma und Trichinella zu den am häufigsten untersuchten Erregern sowohl bei Tieren als auch beim Menschen. Diese können über unzureichend gegartes oder rohes Fleisch übertragen werden und sind daher besonders relevant in Regionen, in denen traditionelle Ernährungsweisen eine wichtige Rolle spielen. Bei den Bakterien treten Brucella und Leptospira häufig in Wildtierstudien auf, während Botulismus in der Humanmedizin hervorsticht und oft mit unsachgemäß gelagerten traditionellen Lebensmitteln in Verbindung gebracht wird. Tollwut, die in Populationen arktischer Füchse vorkommt, ist das am häufigsten untersuchte Virus und bleibt aufgrund der fast immer tödlichen Folgen unbehandelter Infektionen ein wichtiges Thema der öffentlichen Gesundheit.
Die Forschung zeigt außerdem einen klaren Schwerpunkt auf den Tierarten, die für Menschen besonders relevant sind. Landlebende Arten wie Karibus und Füchse sowie Meeressäuger wie Robben und Wale werden deutlich häufiger untersucht als andere Tiere. Dies spiegelt ihre Bedeutung für die Subsistenzjagd wider und deutet darauf hin, dass Krankheitsrisiken vor allem bei den Arten liegen könnten, die eng mit der menschlichen Ernährung verbunden sind.
Trotz der großen Menge an Forschung konzentrieren sich die meisten Studien darauf, Probleme zu beschreiben. Sie erfassen, wie häufig Krankheiten auftreten, identifizieren mögliche Risikofaktoren oder dokumentieren Erkrankungen und Todesfälle bei Tieren und Menschen. Nur wenige Untersuchungen verfolgen, wie sich Krankheiten im Zeitverlauf ausbreiten, oder testen Maßnahmen zur Verringerung von Infektionen. Studien, die Interventionen wie sichere Lebensmittelhandhabung oder Impfstrategien bewerten, sind selten. Dies macht eine wichtige Lücke zwischen dem Verständnis von Krankheiten und ihrer Prävention deutlich.
Gleichzeitig verändert sich die arktische Umwelt rasch. Die Auswertung zeigt, dass der Klimawandel in der Forschung zunehmend berücksichtigt wird, insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten. Steigende Temperaturen und sich verändernde Ökosysteme beeinflussen die Verbreitung von Wildtieren und könnten neue Möglichkeiten für das Auftreten oder die Ausbreitung von Krankheitserregern schaffen. Diese Entwicklungen können das Risiko für eine Exposition gegenüber Krankheiten in nördlichen Gemeinschaften erhöhen, insbesondere dort, wo die Abhängigkeit von traditioneller Nahrung hoch ist.
Eine der auffälligen Lücken ist die begrenzte Einbindung indigenen Wissens. Nur ein kleiner Teil der Studien bezieht ausdrücklich die Beobachtungen und Erfahrungen indigener Gemeinschaften ein, obwohl diese seit Generationen eng mit den arktischen Ökosystemen verbunden sind. Dieses Wissen kann wertvolle Einblicke in Tierverhalten, Umweltveränderungen und sichere Jagd- und Verarbeitungspraktiken liefern. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Forschung und lokalen Gemeinschaften wird daher als wichtig angesehen, um sowohl das wissenschaftliche Verständnis als auch den Gesundheitsschutz zu verbessern.
Insgesamt zeigt sich ein Bild mit soliden wissenschaftlichen Grundlagen, aber weiterhin bestehenden Lücken in Wissen und Anwendung. Es gibt umfangreiche Daten zu arktischen Wildtieren und den von ihnen getragenen Krankheitserregern, doch deutlich weniger Erkenntnisse darüber, wie Risiken für die Menschen verringert werden können, die von diesen Tieren abhängig sind. Angesichts fortschreitender Umweltveränderungen könnte es zunehmend wichtiger werden, diese Lücken zu schließen. Der Schutz der menschlichen Gesundheit in der Arktis erfordert daher nicht nur weitere Forschung, sondern auch eine stärkere Ausrichtung auf Prävention, die Einbindung von Gemeinschaften und die Integration von Wissenssystemen, die das Leben im Norden seit Langem prägen.
Léa Zinsli, PolarJournal

