In den Gewässern rund um die Antarktis sammeln sich einige der größten Tiere der Erde in Gebieten, die nach Ansicht von Wissenschaftlern bislang nur unzureichend geschützt sind.
Die Auswertung von Walbeobachtungen aus 14 Jahren antarktischer Expeditionen hat wichtige Nahrungsgebiete von Finn-, Buckel-, Blau- und Zwergwalen im gesamten Südlichen Ozean identifizieren können. Die Studie basiert auf Sichtungen zwischen 2010 und 2024 und verfolgt die Verbreitung der Tiere von der Drakestraße bis ins Weddellmeer. Diese Daten wurden mit Regionen verglichen, in denen hohe Konzentrationen von antarktischem Krill vorkommen, kleinen Krebstieren, die einen zentralen Bestandteil des antarktischen Nahrungsnetzes bilden.
Die Ergebnisse zeigen ein deutliches geografisches Muster. Buckelwale waren in weiten Teilen der antarktischen Gewässer verbreitet, während sich Finnwale vor allem auf Gebiete nördlich des südlichen Polarkreises konzentrierten. Blauwale, deren Bestände sich noch immer von der industriellen Walfangära des 20. Jahrhunderts erholen, wurden weiter südlich in der Nähe der Meereiskante beobachtet. Zwergwale wiesen die größte Verbreitung auf und drangen tief in eisbedeckte Regionen vor, die von anderen Walarten nur selten genutzt werden.
Mehrere Gebiete erwiesen sich als bedeutende Hotspots, in denen sich die Verbreitungsgebiete verschiedener Walarten überschneiden. Besonders wichtig waren die Bransfieldstraße, der Antarctic-Sund, die Scotiasee sowie die Gewässer rund um die Südlichen Orkneyinseln. Diese Regionen zeichnen sich zugleich durch günstige Bedingungen für antarktischen Krill aus und unterstreichen damit die enge Verbindung zwischen den Walen und einer der wichtigsten Schlüsselarten des Südlichen Ozeans.
(Abbildung: Vitale et al. 2026, Polar Biology)
Die Studie zeigt jedoch auch, dass bestehende Schutzmaßnahmen bislang nur einen kleinen Teil dieser Lebensräume abdecken. Das Meeresschutzgebiet Südlicher Orkneyinseln-Schelfsockel, das einzige bestehende Schutzgebiet in der Region, umfasste weniger als ein Prozent der registrierten Finnwal-Sichtungen und keine einzige Blauwal-Sichtung.
Ein deutlich anderes Bild ergab sich, als die Forschenden zwei vorgeschlagene Meeresschutzgebiete an der Antarktischen Halbinsel und im Weddellmeer einbezogen. Zusammen decken diese Gebiete mehr als die Hälfte der dokumentierten Sichtungen von Buckel- und Zwergwalen ab sowie bedeutende Anteile der Beobachtungen von Finn- und Blauwalen. Nach Einschätzung der Autoren stimmen die vorgeschlagenen Schutzgebiete eng mit den wichtigsten Nahrungsgebieten der Bartenwale während der sommerlichen Fresssaison überein.
Die Ergebnisse erscheinen zu einem Zeitpunkt zunehmender Umweltbelastungen in der Antarktis. Der Klimawandel verändert die Meereismuster der Region, während Krillfischerei und wachsender Schiffsverkehr die menschliche Aktivität in einem der artenreichsten marinen Ökosysteme der Erde verstärken.
Für die Wissenschaft liefert die Studie seltene Langzeitdaten, die die Verbreitung von Walen mit Fragen des Meeresschutzes verknüpfen. Darüber hinaus verdeutlicht sie, wie entscheidend der Schutz antarktischer Nahrungsgebiete für die weitere Erholung von Arten sein könnte, die im Südlichen Ozean einst beinahe verschwunden waren.
Léa Zinsli, PolarJournal

