Die schockierenden Bilder eines Gletschers, der abbricht und ein Dorf in den Schweizer Alpen verschüttet, verdeutlichen die Dringlichkeit, Treibhausgasemissionen zu reduzieren, um den Eisverlust zu minimieren. Während die erste UN-Konferenz über Gletscher in Duschanbe, Tadschikistan, eröffnet wird, zeigt eine neue wissenschaftliche Studie, dass Gletscher noch empfindlicher auf die globale Erwärmung reagieren, als bisher angenommenn. Die International Cryosphere Climate Initiative stellt in dieser Medienmitteilung die Zusammenhänge dar.
Eine internationale Studie, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Gletscher noch empfindlicher auf die globale Erwärmung reagieren als bisher angenommen. Nur 24% der heutigen Gletschermasse bleiben übrig, wenn sich die Welt um 2,7°C erwärmt, was dem von der aktuellen Klimapolitik vorgegebenen Kurs entspricht.
Im Gegensatz dazu würde eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5°C 54% der Gletschermasse erhalten.
Bei diesen Zahlen handelt es sich jedoch um globale Werte, die vor allem durch die sehr großen Gletscher in der Antarktis und Grönland beeinflusst sind. Die für die Menschheit wichtigsten Gletscherregionen sind noch empfindlicher, wobei einige bereits bei einer Erwärmung um 2 °C nahezu ihr gesamtes Gletschereis verlieren.
Dazu gehören die Gletscher der europäischen Alpen, der Rockies im Westen der USA und Kanadas sowie Islands, von denen bei einer anhaltenden Erwärmung um 2 °C nur noch 10 bis 15 % ihrer Eismenge aus dem Jahr 2020 übrig bleiben würden. Am stärksten betroffen wäre Skandinavien, das bei 2 °C überhaupt kein Gletschereis mehr vorweisen könnte.
Es ist wahrscheinlich, dass alle vier Regionen mindestens die Hälfte Eises bereits bei oder unter 1°C verlieren werden. Dies spiegelt sich deutlich in einer Studie wider, die letzte Woche veröffentlicht wurde und in dem die Sicherheitsgrenze für die Eisschilde der Antarktis und Grönlands auf oder unter dem gleichen Niveau von 1°C festgelegt wurde.
Selbst im Hindukusch-Himalaya, wo die Gletscher wichtige Flussgebiete speisen, die 2 Milliarden Menschen versorgen, sind bei 2°C nur noch 25% des Eises von 2020 übrig.
Eine Begrenzung auf 1,5 °C hingegen würde zumindest einen Teil des Gletschereises in allen Regionen erhalten, sogar in Skandinavien, sowie 20 bis 30 % in den vier empfindlichsten Regionen und 40 bis 45 % im Himalaya und im Kaukasus. Dies verdeutlicht die Dringlichkeit des 1,5 °C-Temperaturziels und einer raschen Dekarbonisierung, um dieses Ziel zu erreichen.
Diese Ergebnisse erscheinen vor dem Hintergrund wachsender Besorgnis der Staats- und Regierungschefs weltweit über die Auswirkungen des Gletscher- und Schneeschichtverlusts, gerade als am Freitag in Duschanbe, Tadschikistan, die erste globale UN-Konferenz zum Thema Gletscher begann. An der Konferenz nahmen Vertreter aus über 50 Ländern teil, darunter 30 auf Ministerebene oder höher.
Die Gletscher in Tadschikistan und dem Rest Zentralasiens, die als Wasserreservoire für die alten Zivilisationen der Seidenstraße von Pakistan bis China dienen, behalten bei 1,5°C (60% des Niveaus von 2020) doppelt so viel Eis wie bei 2°C (30%).
Für diese Ergebnisse hat ein Team von 21 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zehn Ländern acht Gletschermodelle verwendet, um den potenziellen Eisverlust der mehr als 200’000 Gletscher weltweit unter einer Vielzahl von globalen Temperaturszenarien zu berechnen. Für jedes Szenario nahmen sie an, dass die Temperaturen für Tausende von Jahren konstant bleiben würden.
In allen Szenarien verlieren die Gletscher über Jahrzehnte hinweg rasch an Masse und schmelzen dann über Jahrhunderte hinweg langsamer weiter, auch ohne weitere Erwärmung. Das bedeutet, dass sie noch lange Zeit die Auswirkungen der heutigen Hitze spüren werden, bevor sie sich auf ihrem Rückzug in höhere Lagen in ein neues Gleichgewicht einpendeln.
„Unsere Studie macht schmerzhaft deutlich, dass jeder Bruchteil eines Grades wichtig ist“, sagt Dr. Harry Zekollari von der Vrije Universiteit Brussel, einer der Hauptautoren. „Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden Jahrhunderte lang nachwirken und bestimmen, wie viel von unseren Gletschern erhalten werden kann.“
„Gletscher sind gute Indikatoren für den Klimawandel, weil ihr Rückzug es uns ermöglicht, mit eigenen Augen zu sehen, wie sich das Klima verändert… aber die Situation der Gletscher ist in Wirklichkeit viel schlimmer, als sie heute in den Bergen zu sehen ist“, mein Co-Autorin Dr. Lilian Schuster von der Universität Innsbruck.
Ein trauriges Ergebnis der Studie ist, dass Gletscher in den Tropen – in den zentralen Anden Perus, Ecuadors und Kolumbiens sowie in Ostafrika und Indonesien – zwar noch mehr Eis zu haben scheinen, aber nur, weil sie schon so viel verloren haben. Was heute noch übrig ist, liegt in sehr hohen Lagen, wo das Eis eher „verdunstet“ als schmilzt.
Venezuelas letzter Gletscher, der Humboldt-Gletscher, verlor 2024 seinen Gletscherstatus; Indonesiens ironisch benannter „Infinity Glacier“ wird wahrscheinlich innerhalb der nächsten zwei Jahre folgen. Deutschland verlor einen seiner letzten fünf verbleibenden Gletscher während einer Hitzewelle im Jahr 2022, und Slowenien verlor wahrscheinlich seinen letzten echten Gletscher vor einigen Jahrzehnten.
Auf einer weiteren hochrangigen Konferenz über Berge und Gletscher Anfang dieses Monats, die zu Ehren des Mount Everest (Sagarmatha) Sagarmatha-Dialoge genannt wurde, unterstrich Nepals Premierminister Oli deren globale Bedeutung: „Berge mögen weit weg erscheinen. Aber ihr Atem hält die halbe Welt am Leben. Von der Arktis bis zu den Anden, von den Alpen bis zum Himalaya – sie sind die Wasserreservoire der Erde….und sie sind in Gefahr.“
„Wir alle haben die schrecklichen Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs gesehen“, sagte Hussain Mohamed Latheef, Vizepräsident der Malediven, die bereits 2009 eine „Unterwasser“-Kabinettssitzung abhielten, um auf die Gefahr aufmerksam zu machen. „Aber jetzt sehen wir, dass unsere Brüder und Schwestern in den Bergregionen unter einer ähnlichen Bedrohung ihrer Existenz leiden: nur dass sie ihre Häuser nicht verlassen, wenn sie vom Ozean ertränkt werden, sondern wenn sie in den Fluten der Gletscherseen ertrinken oder wenn es kein Wasser mehr für die Ernte gibt.“
Die nepalesische Forst- und Umweltministerin Rupa B.K., mit 32 Jahren die jüngste anwesende Ministerin, stimmte dem zu. „Wir sehen, dass diese schrecklichen Auswirkungen nur zwei Seiten derselben Medaille sind. Der Anstieg des Meeresspiegels kommt vom schmelzenden Eis; das schmelzende Eis verwandelt fruchtbares Land flussabwärts in Wüste“, sagte sie. „Die Welt braucht gesunde Eisschichten, um stabile Küsten und flussabwärts gelegene Gemeinden zu unterstützen, und die Emissionen fossiler Brennstoffe rauben uns diese Zukunft.“
Dr. Irene Quaile-Kersken
Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:
Neuer Blog: https://iceblog.org
Alter Blog: https://blogs.dw.com/ice/